Vier Ebenen, vier verschiedene Fragen
„Orderflow“ ist kein einzelner Datentyp. Was Plattformen darunter anbieten, stammt aus mehreren getrennten Ebenen, die jeweils eine andere Frage beantworten - und andere Fragen ausdrücklich nicht.
| Ebene | Beantwortet | Beantwortet nicht | |---|---|---| | Kursdarstellung | Welche vier Preise ein Intervall zusammenfasst | Reihenfolge innerhalb des Intervalls, Absichten, Auftragslage | | Orderbuchtiefe | Welche unausgeführten Aufträge zu welchen Preisen sichtbar sind | Wer sie erteilt hat, warum, und ob sie bestehen bleiben | | Ausgeführte Transaktionen | Zu welchem Preis welche Menge tatsächlich gehandelt wurde | Wer aktiv und wer passiv war, ohne zusätzliche Kennzeichnung | | Aggregiertes Volumen | Wie viel Menge sich auf Preisbereiche verteilt | Ob dieser Bereich künftig eine Rolle spielt |
Die häufigste Fehlbedienung besteht darin, eine Frage an die falsche Ebene zu stellen - etwa aus der Orderbuchtiefe auf zukünftige Bewegung zu schließen.
Zwei Formate derselben Orderbuchdaten
Die CME Group unterscheidet zwei Formate für dieselben Marktdaten:
- Market by Price (MBP) ist preisbasiert. Es beschränkt Aktualisierungen auf höchstens zehn Preisebenen und fasst pro Preisebene die gesamte Menge in einer Aktualisierung zusammen, also Gesamtmenge und Anzahl der Orders. Die CME hält ausdrücklich fest, dass sich individuelle Warteschlangenposition und Ordergrößen daraus nicht mit hoher Genauigkeit bestimmen lassen.
- Market by Order (MBO) ist orderbasiert. Es zeigt einzelne Orders über alle Preisebenen hinweg, jeweils mit einer anonymen OrderID und einer PriorityID zur Sortierung, und erlaubt damit die Bestimmung der eigenen Warteschlangenposition.
Für die Praxis heißt das: Was du siehst, hängt vom bezogenen Format ab. Zwei Trader, die „das Orderbuch“ betrachten, sehen unter Umständen unterschiedlich detaillierte Ausschnitte desselben Marktes. Welches Format deine Plattform verarbeitet, gehört deshalb in deine Notizen.
Anonym heißt anonym
Die CME Group hält fest, dass MBO-Daten keine kundenidentifizierenden Informationen enthalten; die OrderID wird vom Matching-System fortlaufend vergeben und dem Erteilenden privat mitgeteilt. In einer Darstellung erscheinen einzelne Orders, keine Firmenkennungen.
Daraus folgt eine Aussage, die viele Darstellungen unterschlagen: Aus den Daten lässt sich nicht ableiten, wer handelt und warum. Begriffe wie „große Adresse“, „Institutionelle“ oder „Absicht“ sind Interpretationen, keine Beobachtungen.
Auch eine Kennzahl ist eine Konstruktion
Selbst börseneigene Liquiditätskennzahlen enthalten methodische Entscheidungen. Die CME beschreibt für ihr Liquiditätswerkzeug unter anderem, dass das Orderbuch für zehn Ebenen strukturiert ist, dass über jede Sekunde ein zeitgewichteter Durchschnitt gebildet und auf Minuten-, Stunden- und Tagesebene weiter aggregiert wird, dass in Sekunden ohne Aktivität die Werte der Vorsekunde eingesetzt werden und dass ausschließlich Zeiten mit geöffnetem Markt in die Durchschnitte eingehen. Die Berechnung von Spread und Handelskosten wurde zum 1. April 2024 auf eine neue Methodik umgestellt.
Nichts davon ist ein Mangel. Es zeigt nur: Eine Kennzahl ist das Ergebnis einer Rechenvorschrift. Wer sie verwendet, muss die Vorschrift kennen - und wer zwei Kennzahlen vergleicht, muss prüfen, ob beide dieselbe Vorschrift verwenden.
Übung ohne Speicherung
Notiere für dein Instrument auf Papier: Welche der vier Ebenen zeigt deine Plattform tatsächlich an? Welches Orderbuchformat liegt zugrunde, und wie viele Preisebenen siehst du? Werden Zahlen aggregiert, und über welchen Zeitraum? Wo steht die Methodik dokumentiert?
Bleibt eine Frage offen, ist das eine Antwort: Auf dieser Datenbasis kannst du bestimmte Aussagen noch nicht treffen.
Erhöhtes Risiko
Risikohinweis und Zweck dieses Inhalts
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